Start Interview Online-Event ist nicht gleich Online-Event

Online-Event ist nicht gleich Online-Event

Dirk Gosse von ORANGE PRODUCTION DG kommt oft erst dann mit ins Boot, wenn der Kunde oder ein neuer Interessent schon weit vorgeplant hat. Dann stellt sich heraus, daß das Pferd von hinten aufgezäumt wurde und das für das eigentliche Ziel hier unpassend zu klein oder zu groß gewählt wurde. Auch der Datenschutz nach DSGVO muß bei Abstimmungen berücksichtigt werden. A. Menke sprach für unsere Leser mit Dirk Gosse über die Unabhängigkeit von Lösungen um optimal beraten zu können und nicht eigene Investitionen ins Projekt drücken zu müssen.

A. Menke:
Herr Gosse, das Jahr 2020 ist geprägt von der Covid-19-Pandemie. Diese wirkt sich auf die Veranstaltungsbranche in ganz besonderem Maße aus. Wie beurteilen Sie als Geschäftsführer von ORANGE PRODUCTION DG die Situation?

D. Gosse:
Die letzten Monate stehen klar im Zeichen der Pandemie. Zahlreiche Veranstaltungen wurden abgesagt oder finden in einem kleineren Rahmen statt. Wir sind der Überzeugung, dass viele Veranstaltungen, gerade im Unternehmensbereich, mit der Einhaltung klarer und maßgeschneiderter Hygienekonzepte durchaus vor Ort stattfinden könnten. Leider schaffen die aktuelle Situation und sich ständig ändernde und individuelle rechtliche Anforderungen in Abhängigkeit des Ortes, Verunsicherung bei allen, die gerne Veranstaltungen durchführen wollen.
Wir nutzen unsere Social Media Kanäle und stehen im engen Austausch mit der Politik, um für klare und einheitliche Regelungen bei der Durchführung von Veranstaltungen zu werben, damit unsere Kunden und wir in Zukunft wieder eine bessere Planungssicherheit haben. Aber ich denke, es ist durchaus kein Geheimnis zu sagen, dass weite Teile der Veranstaltungen sich derzeit Online abspielen oder zumindest eine Online Komponente enthalten.

A. Menke:
Eine Veranstaltung online durchzuführen klingt eigentlich auf den ersten Blick sehr einfach. Viele Unternehmen haben in den vergangenen Monaten ohnehin massiv in Online-Kommunikationsplattformen investiert und sind in diesem Bereich bestens aufgestellt. Welche Aufgaben übernehmen Sie, um zur Durchführung einer Onlineveranstaltung beizutragen?

D. Gosse:
Es stimmt, Tools zur internen Abstimmung, insbesondere für Besprechungen im kleinen Rahmen, besitzen natürlich mittlerweile nahezu alle Unternehmen. Das hat aber weniger mit der Durchführung von Online-Veranstaltungen im eigentlichen Sinne gemein.
Online-Veranstaltungen bieten zahlreiche Möglichkeiten, die Vielen gar nicht bekannt oder bewusst sind. Unsere Erfahrung aus der täglichen Praxis zeigt, dass viele bei der Planung einer Online-Veranstaltung, sprichwörtlich das Pferd von hinten aufzäumen und eine nach unserer Philosophie unglückliche Herangehensweise wählen.

A. Menke:
Wie ist dies gemeint?

D. Gosse:
Wenn wir zur Planung und Konzeption von Online-Veranstaltungen hinzugezogen werden, erleben wir häufig, dass sich unser potentieller Kunde bereits vermeintlich auf ein Produkt eines bestimmten Anbieters zur Durchführung seiner Veranstaltung festgelegt hat. In einer Vielzahl der Fälle befindet sich unser (Neu-)Kunde bereits im Austausch mit einem Technikdienstleister, App-Entwickler oder sonstigem Anbieter, der in seinem Portfolio genau ein Produkt zur Durchführung von Online- Veranstaltungen führt. Hierbei handelt es sich häufig um reine Tools zur Durchführung von Live-Streamings, eine Konferenzlösung oder in Einzelfällen ist auch ein Tool dabei, das eine gewisse, wenn auch oft überschaubare Anzahl, der großen Bandbreite an Funktionalitäten bietet, die in der Online-Welt möglich sind. Das entsprechende Produkt hat der jeweilige Anbieter teuer eingekauft oder mit viel Aufwand selbst entwickelt. Daher liegt es in der Natur der Sache, dass ein solcher Anbieter sein Produkt als die beste und umfassendste Lösung darstellt, um den Kunden möglichst davon zu überzeugen, dieses für seine Veranstaltung einzusetzen.

A. Menke:
Welches Tool oder welches Produkt würden Sie zur Durchführung einer Online-Veranstaltung empfehlen?

D. Gosse:
Es gibt zahlreiche Plattformen, Applikationen, Softwarelösungen oder andere Produkte, die zur erfolgreichen Durchführung von Online-Veranstaltungen beitragen können. In Summe bieten diese Produkte eine Vielzahl an unterschiedlichen Features. Jedes Produkt hat jedoch seine individuellen Stärken und Schwächen. Das eine, allumfassende Tool zur Durchführung von Online-Veranstaltungen gibt es unserer Ansicht nach nicht. Legt man sich von Vorneherein auf einen Anbieter oder ein Produkt fest, ist man zwangläufig dahingehend limitiert, dass man die gesamte Planung seiner Veranstaltung an den Gegebenheiten des gewählten Produkts ausrichten muss, weil ein Produkt immer in seiner Funktionalität beschränkt ist.

A. Menke:
Welche Herangehensweise an Online-Events favorisieren Sie bei ORANGE PRODUCTION DG?

D. Gosse:
Getreu unserer Philosophie „Consulting, Planning, Implementation“ analysieren wir zunächst gemeinsam mit unserem Kunden bzw. Interessenten die Bedarfe und Zielsetzung der jeweiligen Veranstaltung. Wer ist der Teilnehmerkreis? Welche Botschaft soll mit der Veranstaltung vermittelt werden? Was ist der Sinn und Zweck und das Ziel der Veranstaltung? Das sind nur wenige, exemplarische Fragestellungen, die wir gemeinsam mit unseren Kunden erörtern. Hieraus ergeben sich zwangläufig weitere Fragestellungen, die das Format einer Online-Veranstaltung stark prägen. Spätestens an dieser Stelle merken viele, daß „Online Event“ nicht gleich „Online Event“ ist. Je nach den individuellen Gegebenheiten gilt es genau zu analysieren, wie die Online-Veranstaltung gestaltet werden soll.

A. Menke:
Gibt es denn so viele Optionen, wie man eine Online-Veranstaltung tatsächlich „gestalten“ kann?

D. Gosse:
Es gibt mehr Handlungs- und Gestaltungsoptionen als viele auf den ersten Blick für möglich halten. Man denkt bei einer Online-Veranstaltung in der Regel sofort an den klassischen Live-Stream, bei dem der Teilnehmer lediglich passiv folgt oder an eine Konferenz, bei der sich ausgewählte Teilnehmer oder Redner unterhalten. Letzteres ist jedoch lediglich die einfachste Form der Interaktion im Rahmen von Online-Veranstaltungen. Tatsächlich gibt es eine Vielzahl an Möglichkeiten der Interaktion in diesem Veranstaltungsformat. Jede für sich hängt vom individuell gewünschten Charakter und Ziel der Veranstaltung ab.

A. Menke:
Welche Formen der Interaktionen meinen Sie?

D. Gosse:
Eine Form ist beispielsweise, die Teilnehmer mittels Abstimmungsfunktion an der Veranstaltung zu beteiligen. Bietet man eine solche Funktionalität an, ist es jedoch entscheidend zu verstehen, ob es sich um eine unverbindliche, eher unterhaltende, informative Abstimmung handelt oder um eine Abstimmung, die rechtlich verbindlich und geheim sein und bleiben soll. Dementsprechend ist die Infrastruktur auszurichteten, da auch bei der Durchführung von Online-Veranstaltungen die strengen Anforderungen an den Datenschutz der DSGVO gelten. Aber eine Abstimmungsfunktion ist nur eine von vielen Möglichkeiten der Interaktion, die Online-Veranstaltungen bieten. Wie klassische Konferenzen vor Ort, können im Zuge einer Online-Veranstaltung bspw. auch verschiedene, virtuelle Arbeits- und Unterhaltungsräume in unterschiedlichen Teilnehmerkreisen neben einem allgemeinen virtuellen Plenarsaal kreiert werden. Außerdem könnten zum Beispiel auch Features mit unterhaltendem Charakter eingefügt werden, um die Aufmerksamkeit der Teilnehmer zu fokussieren oder dafür zu sorgen, dass eine mehrstündige Veranstaltung nicht eintönig wird.
So könnte ich viele Beispiele und Möglichkeiten nennen. Der Kern der Aussage hierbei ist jedoch, eine Online-Veranstaltung bietet eine Vielzahl von Möglichkeiten. Erst, wenn die Bedarfe und Zielsetzung der individuellen Veranstaltung klar definiert sind, kann eine sinnvolle und zielgerichtete Planung erfolgen und entschieden werden, wie die jeweilige Veranstaltung gestaltet werden kann und soll. Auf Basis einer solchen Planung sollte nach unserer Philosophie die Auswahl der geeigneten technischen Mittel oder Lösung(en) für die Durchführung einer Online-Veranstaltung erfolgen. In vielen Fällen macht es dabei durchaus Sinn, Funktionalitäten verschiedener Produkte, Anbieter oder Lösungen miteinander zu kombinieren, um so das mit dem gegeben Budget bestmögliche Ergebnis zu erzielen.

A. Menke:
Ihren Ausführungen ist zu entnehmen, dass Sie nicht die „eine“ Softwarelösung im Angebot haben, sondern eine Vielzahl. Welche Softwarelösungen, Anbieter oder Tools bieten Sie mit Ihrem Unternehmen an?

D. Gosse:
KEINE – und das ist auch gut so! Wie auch in der „Offline“-Welt, in der wir als materialunabhängiger Anbieter agieren, behalten wir uns auch in der „Online“-Welt vor, unabhängig von einem oder einer Anzahl bestimmter fester Anbieter oder Softwarelösungen aufzutreten. Ich denke, dass ist auch ein besonderer Mehrwert, den wir unseren Kunden bieten können. Bedingt dessen, dass wir in einer Vielzahl von Veranstaltungen bereits mit zahlreichen Tools, Plattformen, Softwarelösungen und Anbietern zusammengearbeitet haben und auch fortwährend neue Lösungen kennenlernen, kennen wir das breite Spektrum an Möglichkeiten, das der Markt bietet in- und auswendig. Dieses Wissen können wir bei der zielgerichteten Beratung, Planung und Konzeption von Online-Veranstaltungen entsprechend der Bedarfe und natürlich auch des Budgets unserer Kunden einsetzen und gemeinsam mit unserem jeweiligen Kunden, das oder die für ihn und seine Veranstaltung jeweils richtige(n) technischen Mittel oder Produkt(e) finden.

A. Menke:
Herr Gosse, bitte geben Sie uns abschließend noch einen Ausblick. Bleibt nach Ihrer Ansicht die starke Fokussierung auf Online-Events ein fester Bestandteil der Veranstaltungsbranche oder ist dies ein Trend bedingt durch die Covid-19 Pandemie?

D. Gosse:
Ich bin mir sehr sicher, dass Online-Events oder zumindest Online-Elemente auch nach der aktuellen Situation ein fester Bestandteil der Veranstaltungsbranche bleiben wird. Natürlich freuen wir uns alle, wenn wieder Veranstaltungen im größeren Rahmen und mit einer Vielzahl von Menschen stattfinden können. Das gemeinsame Miteinander liegt in der Natur des Menschen, fördert den Wissensaustausch und die Netzwerkbildung, die im Rahmen einer Präsenzveranstaltung naturgemäß stärker als bei einer Online-Veranstaltung ausgeprägt ist, trägt unseres Erachtens nach sehr zum Erfolg einer Unternehmung oder eines Projekts bei. Allerdings muss man sich in Zeiten der Klimakrise und des wirtschaftlichen Drucks, der auf vielen Branchen und Institutionen lastet, fragen, ob es sinnvoll und effizient ist, einen oder mehrere potentielle Teilnehmer einer Veranstaltung hunderte oder tausende Kilometer einzufliegen, nur damit diese/r an einer ggf. wenige Stunden dauernden Veranstaltung oder den für diesen Teilnehmerkreis relevanten Teil einer Veranstaltung teilnehmen kann. Heute bzw. vor der Covid-19 Pandemie haben wir häufig die Situation erlebt, dass solche Teilnehmer aus Kosten- und Umweltgesichtsgründen von einer Veranstaltung ausgeschlossen wurden und diesen der Nutzen einer solchen Veranstaltung verwehrt blieb. Ich denke, in einem solchen Fall, aber auch in vielen anderen denkbaren Konstellationen macht es Sinn, das Beste beider Veranstaltungsformate, Online und „Offline“ miteinander zu verbinden und einer Präsenzveranstaltung bspw. auch eine Online-Komponente beizufügen, welche die Reichweite und den Nutzen einer Veranstaltung – auch für die Teilnehmer vor Ort – deutlich steigern kann. Ich denke solche sogenannte „Hybridveranstaltungen“ werden wir gerade auch aufgrund ihrer Flexibilität in der Umsetzung in Zukunft häufig erleben.

A. Menke:
Herr Gosse, wir bedanken uns für das Gespräch.